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Aktivistisch wohnen


Illustration by Tobias Gaberthuel

Autorin: Zoé Clémence

Fotos: Michael Beckmann


Wohngemeinschaften sind heute eine verbreitete und vor allem bei Studenten eine beliebte Lebensform. Bei einigen beschränkt sich das Gemeinschaftliche auf das Teilen von Wohnraum, andere gehen sogar so weit, dass sie ihr Einkommen solidarisch aufteilen. In einer Wohngemeinschaft zu leben, ist jedoch noch nicht all zu lange gesellschaftlich akzeptiert. In den 60er Jahren war es ein ziemlich politisches Statement, mit Leuten ausserhalb der eigenen Familie zusammen zu leben und alles zu teilen.


Um das Phänomen der Wohngemeinschaft besser zu verstehen, wollen wir zurückschauen in das Jahr 1967 als in Berlin eine der ersten politisch motivierten Wohngemeinschaften gegründet wurde. Sie nannte sich Kommune 1 und wird als eine der ersten deutschen Wohngemeinschaften bezeichnet. Das Projekt war eine Reaktion auf die damalige Gesellschaft und dauerte drei Jahre . Geprägt von der aufkommenden Studentenbewegung wollten die Mitglieder der Kommune1 ein Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie schaffen. Mann und Frau sollen gleichberechtigt und unabhängig sein, um sich frei entwickeln zu können. Die Werte und Normen der damaligen Gesellschaft empfanden sie als einengend, spiessig und konservativ. Sie lehnten Besitzanspruch in der Ehe und autoritäre Kindererziehung ab, destruierten die Privatsphäre und stellten die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal in Frage. Sie trafen damit den Nerv ihrer Zeit. In ihrer Folge gründeten sich hunderte von Kommunen, Wohn - und Hausgemeinschaften, die heute zum allgemeinen Kulturgut gehören.


„Das Private ist politisch“ Das war der Leitsatz der Kommune und den lebte sie auch. Es war ihnen nicht genug nach ihren eigenen Werten zu leben, deshalb veranstalteten sie absurde und provokante politische Aktionen.


Die öffentlichen Protestaktionen der Kommune1 sind offensichtlich aktivistisch. Doch ist nicht schon ihre Entscheidung in einer Wohngemeinschaft zu leben an sich aktivistisch? Um das zu beantworten, müssen wir uns darüber Gedanken machen, was denn Aktivismus eigentlich genau ist. Bei Aktivismus geht es um politisch motivierte Aktionen, die einen Widerstand gegen die aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Verhältnissen darstellen. Ihr Ziel ist es, das Bewusstsein möglichst vieler Menschen und somit die Verhältnisse zu verändern. Deshalb spielen auch die Öffentlichkeit und die Medien eine wichtige Rolle. Wenn man eine Aktion in der Öffentlichkeit macht, ist die Botschaft: Es geht euch alle was an. Ausserdem will man damit möglichst viele und auch möglichst unterschiedliche Leute erreichen, es geht nicht darum die Botschaft an eine bestimmte Zielgruppe zu richten, sondern an die Allgemeinheit. Wenn die Medien über die Aktion berichten, umso besser, denn so können noch mehr Leute auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Eine öffentliche Aktion ist meist auch temporär. Medien tragen die Botschaft einer Aktion nicht nur weiter, sondern sorgen auch dafür, dass Informationen archiviert werden.


Aktivistische Handlungen müssen also immer im Zusammenhang mit den damaligen Verhältnissen gesehen werden. Nicht alles, was in den 68er oder den 90er eindeutig aktivistisch war, muss es heute immer noch sein. Denn wir leben in einer anderen Gesellschaft mit anderen Werten, anderen Normen und einer anderen„Normalität“.


Die Mitglieder der Kommune haben sich aktiv dazu entschieden, eine Gemeinschaft zu bilden. Sie haben die Gemeinschaft nicht gefunden, sondern sie aus dem Bedürfnis heraus, ein Gegenmodell zur damaligen Ordnung zu schaffen, selber kreiert. Solche Projekte sind Modellprojekte gemeinschaftlicher Lebensweise und zeigen auf, wie ein anderes Zusammenleben aussehen kann. Ausserdem geben sie Impulse für gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Die Kommune 1, so wie die ganze emanzipatorische Bewegung der 68er haben dazu geführt, dass Wohngemeinschaften heute in der Gesellschaft sehr verbreitet sind.


Solche Modellprojekte des Zusammenlebens gibt es natürlich auch heute. Ein Beispiel ist die Wohngemeinschaft Hubelgut in Bern. Zehn Menschen leben dort in einer gemeinsamen Ökonomie, das heisst, sie teilen ihr Einkommen solidarisch auf. Diese Menschen haben aus dem Gedanken zusammengefunden, solidarisch in einer Gruppe leben zu wollen und das Geld an Macht verlieren zu lassen. Solche Projekte sind extrem wichtig um neue Formen der gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsweisen auszutesten und der Gesellschaft zu zeigen, dass es auch noch andere, neue Möglichkeiten als die bestehenden gibt. Wie auch die Kommune1 gibt die Wohngemeinschaft Hubelgut den Medien bereitwillig Auskunft über ihr Projekt und ihre Vorstellung von Zusammenleben. Auch dieses Projekt ist für mich aktivistisch, vielleicht nicht aktivistisch im klassischen Sinne, sondern auf eine subtilere und längerfristige Art. Doch solche Projekte hinterfragen die aktuelle Gesellschaftsordnung und leben aktiv ein Gegenmodell vor, was dazu anregt, unsere Strukturen zu überdenken.


Zoé Clémence ist Studentin an der Hochschule Luzern, Design und Kunst, Camera Arts

im 2. Bachelor Jahr


Geschrieben im Rahmen der Theoriewoche -Kunst und Politik-, mit dem Fokus auf der 68er Bewegung. Persönliche Vertiefung eines Themas aus dem Unterricht.


"Ich beschäftigte mich mit der Frage, was denn eigentlich Aktivismus ist und was genau Gemeinschaft bedeutet. Während den Recherchen las ich zum ersten mal etwas über die Kommune 1 und nahm sie gleich als Beispiel, um an ihr die beiden Begriffe Aktivismus und Gemeinschaft näher zu untersuchen."


In der Wohngemeinschaft Hubelgut wird nicht nur das Einkommen solidarisch aufgeteilt. Auch bei den Umbauarbeiten packen alle gemeinsam mit an.


Fotos: © Michael Beckmann




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