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Hindernisparcour im Lebensmittelladen

Aktualisiert: Feb 6



Hier wird von Altagserlebnissen im Zusammenhang mit den 5R vom Zero-Waste-Lebensstil erzählt. Diesmal passend zu


3. Reuse (Wiederverwenden):

Mit eigenen wiederverwendbaren Behältnissen einkaufen und so Verpackungsmüll einsparen. Einweg- durch Mehrwegprodukte ersetzen. Wasserflaschen und Kaffeetassen für unterwegs gibt es auch in Metall oder Glas. Servietten und Nastücher aus Stoff statt Papier. Teilen (Rasenmäher, Bohrmaschine, Kleider, Autos, Wohnungen etc.). Secondhand einkaufen. Reparieren statt neu anschaffen.

von Mo Henzmann, Titelillustration: Tobias Gaberthuel


Am liebsten würde ich nur im Bio-Hofladen einkaufen. Das macht richtig Spass. Alles ist frisch, lokal, saisonal und aus biologischer Landwirtschaft. Kommt noch hinzu, dass hier direkt vom Bauern gekauft werden kann und unverpackt. Unverpackt einkaufen kommt in Migros oder Coop einem Hindernisparcour gleich. Es ist unglaublich, was es da alles für Hürden zu bewältigen gibt. Ich gehöre zu der Spezies, die mit eigenen Stoffbeuteln einkauft und auch noch die Frechheit hat, BIO und lokal zu bevorzugen. Diese Hürde ist im Lebensmittelladen nicht zu bewältigen: Kartoffeln, Karotten, Tomaten aus biologischer Landwirtschaft gibt es nicht unverpackt. Um nur ein paar wenige zu nennen. Ich bin es leid, mich zwischen Verpackungsabfall und Pestiziden entscheiden zu müssen. Denn ich will einfach beides nicht! Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass die Verpackung als Unterscheidungsmerkmal dient. Mitarbeiter oder Kunden dürfen die ökologische Ware nicht mit der anderen verwechseln. Und dass beide nicht miteinander in Berührung kommen dürfen, um keine Pestizide zu übertragen. Dass das Gemüse durch die Verpackung länger haltbar bleibt und dadurch seltener weggeworfen wird. Das leuchtet ein. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass das Finden von anderen Lösungen so lange dauert und dass zum Beispiel das Laser-Logo für Obst und Gemüse immer noch nicht in der Migros angekommen ist. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, selbst Verantwortung zu übernehmen und so oft es geht im Biohofladen (einen Markt gibt es in unserer Gemeinde nicht) einzukaufen. Das ist nicht immer möglich. Manchmal aus zeitlichen, manchmal aus logistischen Gründen, manchmal aus Bequemlichkeit. Auf jeden Fall aber auch aus dem einfachen Grund, dass so ein Hofladen nicht das Angebot einer Migros oder einem Coop hat. Zum Beispiel Fleisch.


Vor ein paar Monaten machte ich einer meiner seltenen Besuche am Fleischstand der Migros. Auf der Digitalwerbeanzeige konnte ich gerade noch "verpackungsfrei einkaufen" lesen, bevor mit etwas anderem geworben wurde. Ich habe den Verkäufer darauf angesprochen. Worauf dieser mich ausführlich darüber informiert hat, unter welchen Bedingungen dies möglich sei. Meine Freude war gross und ich habe diese dem freundlichen Fleischverkäufer bekundet. Ich durfte jetzt also donnerstags mein eigenes Behältnis mitbringen. Eins für jedes Produkt separat. Und sauber soll es sein. Ist ja selbstverständlich. Fleisch, Fisch und Käse nun ebenfalls verpackungsfrei zu kaufen, ist ein richtig guter weiterer Schritt in Richtung Abfallvermeidung. Seitdem nutze ich dieses Angebot. Es hat mich erstaunt, dass ich meine Frischhaltebox jeweils einfach hinstellen und bestellen konnte, ohne dass weitere Erklärungen nötig waren. Jedes mal. Bis auf diesen einen Donnerstag. Da war alles anders.


Ich begebe mich zu Fleischstand. Dort stelle ich meine Box auf den Tresen und bestelle zwei kleine Pouletschnitzel. Der Fleischverkäufer legt eine Plastikfolie auf die Waage, legt die Schnitzel darauf, wickelt sie in die Folie und legt sie in die Box. Dann klebt er wie gewohnt das Etikett auf den Deckel. Äh, ok... das muss ein Versehen gewesen sein, wahrscheinlich war er zu schnell mit der Folie. Ich sage also nichts, er auch nicht. Und ich begebe mich zum Käsestand und stelle die nächste Box auf den Tresen. Die Verkäuferin nähert sich vorsichtig, mit einem scheuen Blick auf die Box. Sie wirkt distanziert. "Ich hätte gerne Pecorino" sage ich. "Der ist hinter Ihnen, abgepackt auf der Theke" antwortet sie. "Kann ich ihn nicht gerieben haben, direkt in die Box?" frage ich sie. Ich erkläre ihr auch, dass ich das immer so machen durfte. Sie antwortet, dass ich den Abgepackten nehmen müsse und dass sie nicht wisse, ob sie ihn mir in die Box reiben dürfe. Sie begibt sich zum Fleischverkäufer, um sich von ihm beraten zu lassen. Es war mir zu viel und es ging einfach zu lange, also habe ich sie gerufen und ihr gesagt, sie solle mir jetzt bitte den Käse zurückgeben, ich würde ihn zu Hause selber reiben. Darauf hat sie mir angeboten, den Käse zuerst in ein Säckli zu reiben. Das machte für mich nun überhaupt keinen Sinn mehr. Von der Plastikfolie ins Säckli und dann in Box?! Ich habe den Käse gepackt und mich entfernt.


Schon fast am Ende dieser Einkaufstortur, beim Olivenöl angekommen, kommt der Fleischverkäufer auf mich zu, um sich zu entschuldigen und sich zu erklären. Es wäre in Ordnung, wie ich einkaufe. Er ist meiner Meinung, dass endlich dieser Einwegplastik vermieden werden sollte. Sie müssten aber vorsichtig sein und wollen nur Stammkund*innen die Waren direkt in die Box packen. Er hat von Salmonellen, Kolibakterien, Klagen, Vorfällen, bösen Absichten, die Angst den Job zu verlieren etc. erzählt. Es war interessant für mich, das von der anderen Seite (der Theke) zu betrachten. Und ich habe es sehr geschätzt, dass er auf mich zugekommen und mit mir gesprochen hat. Dafür habe ich mich bei ihm auch bedankt.


Weshalb ich an diesem Donnerstag nicht mit der eigenen Box einkaufen konnte, hat sich mir jedoch nicht wirklich erschlossen. Vielleicht wollte jemand der Migros eins auswischen. Vielleicht hat jemand die Migros wegen Salmonellen verklagt. Da frage ich mich aber, was das mit dem Käse zu tun hat. Vielleicht wurden sie einfach gewarnt, dass Klagen kommen könnten. Vielleicht hat der Verkäufer mich nicht als Stammkundin erkannt. Vielleicht wollten sie mir die Waren nicht vor den Augen anderer in die Box legen. Den wahren Grund kenne ich nicht. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es einen Vorfall gab. Und dass irgend jemand dafür verantwortlich ist. Gerne würde ich diesen Jemanden wissen lassen, dass mir eine bezwungene Hürde wieder aufgebaut wurde. Dass ich und viele andere bemüht sind, nachhaltiger einzukaufen um Ressourcen zu schonen und unser Klima zu schützen. Und was wir dabei überhaupt nicht gebrauchen können, ist jemanden, der uns Steine in den Weg legt, statt sich selber zu bemühen.


Anleitung zu den 5R




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